"Apples for Sale is a photographic study of the daily life of Indonesian domestic workers in Hong Kong. With little to no leisure time or personal space, these labour migrants construct a parallel identity using social media channels. Far from home and in a completely female subculture, the women develop an ambiguous sexual identity. Sampson portrays this population in a layered multi-media narrative, consisting of documentary photography, social media footage, and text.

Over 300,000 foreign domestic workers work and live in Hong Kong. The large majority is from Indonesia and the Philippines. These women usually work twelve hours a day, six days a week, under appalling terms of employment. Although they are officially entitled to one day off a week, this law is often not observed in practice. Sleeping on a matrass next to the laundry machine, in the kitchen or under the stairs, these women frequently lack private space to spend their scarce leisure time. While on a visit to Hong Kong, Sampson observed how hundreds of labour migrants – homeless for one day – spent their Sundays in the parks and public spaces of the city. The photographer spent many Sundays with them and gradually got to know them. She found herself at beauty contests, night clubs, staged weddings and lavishly decorated rental containers, where the lucky few who can afford it act out their one-day existence.

Due to the lack of personal space, and trapped in the rigid corset of their daily housekeeping duties, many women seek solace on social media, where they maintain extensively elaborated alter egos. For these women, photographs offer a powerful (and often the only) means of preserving a certain measure of autonomy. The mutual quest for intimacy and (sexual) identity is largely expressed online in the form of photographs and videos, shared on social media. Sampson collected selfies of domestic workers dressed up as comic book heroes or pop stars, as well as private videos of their daily work environment and photos of their improvised sleeping spaces. It is a world characterised by gender fluidity and a distinctly lesbian ‘sub-culture’, which the photographer attributes to the impossibility of maintaining a heterosexual relationship or family life in an exclusively female community. Sampson documented make-believe dream weddings between domestic workers – the one dressed up as princess bride, the other as the groom – and portrayed ‘families’ consisting of young girls and tomboys who lovingly tend to their dolls, as if they were their children.

The portraits made by Sampson and by the domestic workers themselves form a sharp contrast with the exemplary passport photos attached to their application forms, which Sampson was able to obtain by pretending to be a potential employer. These documents – for which the women pay steep fees to private brokers – reveal gross deficiencies in the local labour law. The artist juxtaposed the photographs provided by the agency – obediently smiling ladies wearing an apron with the text ‘Apples for Sale’ – with the images posted by these workers on social media. The discrepancy between the constructed typology of the model housekeeper, and images of their desperate attempts to escape from their dreary everyday life, begs the question which of the two images is furthest removed from reality."

Written by Hinde Haest, Curator at Foam Museum Amsterdam

 

Apples for Sale beleuchtet das Leben indonesischer Hausmädchen, die in Hongkong unter prekären Umständen als Migrantinnen zweiter Klasse in einer Parallelgesellschaft leben. Die jungen, zumeist muslimischen Frauen, sind oft jahrelang von ihren Familien und Sozialpartnern getrennt. In einem ausschließlich weiblichen sozialen Umfeld beginnen auffällig viele von ihnen eine Art von Rollenspiel, in dem die männlichen Rollen von Tomboys übernommen werden und liebevoll zurechtgemachte Puppen die fehlenden Kinder ersetzen. Frei in Hongkong bewegen können sich die Hausangestellten lediglich sonntags, wo sie die öffentlichen Parks und Plätze der Stadt bevölkern. Sie werden von ihren Arbeitgebern in ein uniformes Alltagskorsett gezwängt, welches ihnen eine nahezu unbegrenzte Verfügbarkeit abverlangt. Raum für ein selbstbestimmtes Erkunden und Ausleben ihrer persönlichen Bedürfnisse bleibt kaum. So verschieben sich ihre sozialen und kulturellen Interaktionen zunehmend in die virtuelle Welt von Facebook, die einen krassen Gegensatz zu der Alltagsrealität als „Maid“ bildet. Auf Facebook sind der individuellen Auslebung persönlicher Hoffnungen, Träume und Wünsche keinerlei Grenzen gesetzt.

••• Die Publikation Apples for Sale können sie hier vorbestellen. •••

 

Das Gesamtwerk besteht aus: drei Werkgruppen mit insgesamt 95 Fotografien, Multimedia Installation mit 6 Mobiltelefonen, 5 Videoloops, 1 Facebook Applikation, Formulare, Texte, Zitate, 1 Buch, 22 cm x 28 cm, 160 Seiten.

 

Indonesische Hausangestellte leben in Hongkong in einer rein weiblichen, im Alltag nahezu unsichtbaren Parallelgesellschaft. Familien, Kinder, Ehemänner müssen sie in Indonesien zurücklassen, wenn sie mit dem Traum vom großen Geld Richtung Hongkong aufbrechen. Dort angekommen leben sie mit ihren Arbeitgebern jahrelang auf engstem Raum, haben oft keine eigene Schlafecke und keinerlei Privatsphäre. Die Hausmädchen sind eingepfercht in einen zermürbenden Alltag mit schlechten Arbeitsbedingungen, geringer Bezahlung und wenig Freizeit. Ausbeutung, Diskriminierung, Geringschätzung und Schutzlosigkeit sind für sie an der Tagesordnung. Befeuert wird diese Dynamik durch das zweifelhafte Geschäftsgebaren von privaten Vermittlungsagenturen, die im Durchschnitt ein Drittel des Jahreseinkommens der Hausmädchen als Gebühr einfordern. Zudem sind die Frauen häufig der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert, die ihnen jederzeit mit einmonatiger Frist kündigen können – woraufhin ihnen dann gerade einmal zwei Wochen bleiben, um eine neue Anstellung zu finden, bevor sie aus Hongkong ausgewiesen werden.

Während die Hausmädchen unter solch prekären Verhältnissen ihrer täglichen Arbeit nachgehen, steht ihnen laut Gesetz zumindest ein freier Tag pro Woche zu. Dies ist in der Regel der Sonntag, der sich als Familientag der Arbeitgeber etabliert hat und an dem es von den Hausangestellten erwartet wird, dass sie die Wohnung verlassen. Dergestalt heimatlos strömen jeden Sonntag Tausende dieser Frauen in den öffentlichen Raum: Parks und Plätze werden erobert, Fußgängerbrücken, Tunnel und Verkehrsinseln besetzt. Aus Pappkartons entstehen Hauswände, und Plastikfolien dienen als Picknickdecken. An diesem einen Tag in der Woche müssen alle emotionalen Bedürfnisse befriedigt werden. Einsam, weit weg von ihren Familien und isoliert von der Hongkonger Gesellschaft, suchen die Frauen nach Vertrautheit, Geborgenheit und Nähe. So kreieren sich die Hausangestellten jeden Sonntag in Hongkong einen winzigen Zipfel indonesischer Heimat: Sie inszenieren alles, was für sie ein Leben in Indonesien ausmacht, mit indonesischem Essen, begleitet von indonesischer Musik. Was jedoch fehlt, sind die Männer und die Kinder. In einem ausschließlich weiblichen sozialen Umfeld beginnen sie eine Art von Rollenspiel. Die männlichen Rollen werden von Tomboys übernommen – Frauen, die sich maskulin kleiden und geben. Liebevoll zurechtgemachte Puppen ersetzen die fehlenden Kinder. Dieses Rollenspiel ist einerseits die Aufrechterhaltung vertrauter gesellschaftlicher Verhältnisse, andererseits ist es nicht mit dem strengen Reglement einer muslimisch konservativ geprägten Gesellschaft vereinbar. Dadurch entsteht fernab von kontrollierenden Blicken ein Freiraum, der die Frauen dennoch in einen Konflikt bringt. In Hongkong haben sie die Möglichkeit, sich auszuprobieren, andere Seiten ihrer Sexualität zu entdecken und Grenzen auszuloten. Jedoch gelingt es ihnen nur bedingt, ihr tief verwurzeltes Wertesystem abzulegen – so wirken die Grenzgängerinnen häufig innerlich zerrissen und geplagt von schlechtem Gewissen, gefangen zwischen den verschiedenen Welten.

Laut Umfragen haben zwischen 20 % und 40 % der Hausangestellten in Hongkong Erfahrungen mit lesbischen Beziehungen. Dies ist ein deutlich höherer Anteil lesbischer Beziehungen als allgemein üblich.
 Die Community lesbischer indonesischer Hausangestellter unterscheidet sich stark von anderen lesbischen Communitys. Die meist selbstgewählten und stark überspitzten Geschlechterrollen werden regelmäßig gewechselt, die sexuelle Orientierung ist flexibel, die Grenzen sind fließend und werden ständig neu verhandelt. Viele der nach außen gelebten lesbischen Beziehungen ähneln hinter der Fassade eher Freundschaften im Partnerlook. Wer also wirklich lesbisch ist, wer sich bewusst dazu entschieden hat, lesbisch zu sein, und wer eher einem sozialen Trend folgt und sich als lesbisch inszeniert, ist oftmals unklar. Welche Paare tatsächlich ein Hotelzimmer mieten, um Sex zu haben, und wer eigentlich nur kuschelnd in der Karaokebar abhängt, ist wieder eine andere Sache. Werden die Frauen gefragt, sind die Fake-Lesben – eine gängige Bezeichnung vor Ort – auf jeden Fall immer die anderen.

Das strenge Korsett ihrer Lebenssituation als Arbeitsmigrantinnen verwehrt den Frauen eine selbstbestimmte Gestaltung ihres Lebens. 
Die Hausangestellten sind, wie andere junge Frauen auch, auf der Suche nach Bestätigung, Sinn und Individualität. Da sie sich nur an einem Tag in der Woche frei bewegen dürfen, verschiebt sich der soziale und kulturelle Raum, den sich die Frauen im Park geschaffen haben, immer mehr von der realen Welt in eine virtuelle auf Facebook. Hier wird der individuellen Auslebung der eigenen Persönlichkeit keine Grenzen gesetzt.

Herzlichen Dank an die Robert Bosch Stiftung und das Literarische Colloquium Berlin!

Die Recherche für das Projekt Apples for Sale wurde im Rahmen des Programms Grenzgänger China – Deutschland der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin gefördert.

The extensive research for the project Apples for Sale was funded by the Robert Bosch Stiftung in cooperation with the Literarisches Colloquium Berlin and within the context of the program Grenzgänger China – Deutschland.